ZWEITER OFFENER BRIEF VOPN SPME GERMANY AN DIE EVANGELISCHE AKADEMIE BAD BOLL SOWIE DIE SIE UNTERSTüTZENDEN ORGANISATIONEN
AKADEMIKER FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN -
SEKTION DEUTSCHLAND SPME-GERMANY e.V.
1. Vorsitzender und Sprecher des Vorstands:
Prof. Dr. med. Ralf R. Schumann
Tel.: 030-450524141
FAX: 030-450524941
e-mail: ralf.schumann@charite.de
Offener Brief
an die Evangelische Akademie Bad Boll
sowie die sie unterstützenden Organisationen
Akademieweg 11
73087 Bad Boll
nachrichtlich: Joachim L. Beck,
Geschäftsf. Direktor, Dr. Klaus Holz, Generalsekretär der ev. Akademien;
Dr. Manfred Budzinski, Tagungsleiter;
Bundeszentrale für Politische Bildung;
Evangelischer Entwicklungsdienst;
Pax Christi;
Rainer Arnold - MdB, SPD;
Michael Hennrich - MdB, CDU/CSU;
Harald Leibrecht - MdB, FDP, an den Bundesinnenminister
Berlin, den 6.5.2010
Unser Protest gegen die von der Evangelischen Akademie Bad Boll vom 11.-13. Juni diesen Jahres geplante Veranstaltung Partner für den Frieden - Mit Hamas und Fatah reden
Sehr geehrte Damen und Herren,
am 26.4. diesen Jahres protestierten wir mit einem Schreiben an den geschäftsführenden Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll, Herrn Joachim Beck, gegen die unter Leitung von Dr. Manfred Budzinski an der Akademie geplante Tagung Partner für den Frieden - Mit Hamas und Fatah reden und besonders gegen die Einladung des hohen Hamas-Funktionärs Basem Naim.
In seiner Antwort erklärte Herr Beck, dass sich die Akademie „weder mit den Zielen noch mit der Praxis der Hamas, der Fatah, der israelischen Regierung oder einer anderen Konfliktpartei identifiziere“. Wir finden es erstaunlich, dass die Evangelische Akademie glaubt, betonen zu müssen, dass sie die Ziele der Hamas-Charta, die u.a. die Eliminierung Israels vorsieht, nicht teilt. Erst kürzlich bestätigte Hamas-Chef Ismael Haniye diese Zielsetzung, als er einen Staat für die Palästinenser, solange es nicht „ganz Palästina“ sei, ausschloss.[1] Für völlig inakzeptabel aber halten wir die Äquidistanz, mit der sich der Direktor der Akademie auch von den Zielen der israelischen Regierung distanziert. Wie jeder anderen demokratisch gewählten Regierung geht es auch der israelischen Regierung unter anderem darum, Sicherheit für die eigene Bevölkerung zu gewährleisten. Möchte sich die Evangelische Akademie mit diesem Ziel nicht identifizieren? In einem jüngsten Interview sagt Herr Beck: „Die Akademie hätte sich schon immer mit Themen der internationalen Politik befasst. Dafür gab es etliche Male zunächst Prügel, später dann Anerkennung: So zum Beispiel als es um den Widerstand gegen die Apartheidpolitik in Südafrika ging. „Über die Heftigkeit der Reaktionen gegen diese Tagung“ zeigt sich Herr Beck jedoch „sehr überrascht“[2].
Dennoch hat die Akademie den Hamas Funktionär Bassem Naim bisher nicht ausgeladen. Auch die Tatsache, dass die Akademie auf der Homepage der Qassam-Brigaden, dem bewaffneten Arm der Hamas, in enthusiastischen Beiträgen gleich mehrfach für ihr Projekt gelobt wird, leitete kein Umdenken ein.[3] Zum Hintergrund der Qassam-Brigaden: Sie sind für den Raketenbeschuss auf Israel verantwortlich und ein damals 17-jähriger Sohn des hier eingeladenen Bassem Naim war Mitglied dieser Brigaden und ist im Einsatz ums Leben gekommen. Dennoch hält der Tagungsleiter, Herr Manfred Budzinski Herrn Naim für „gemäßigt, da er zwar nicht das Existenzrecht, aber die Faktizität des Staates Israel anerkenne“[4].
Die Distanzierung durch das Bundesinnenministerium ("Die Hamas hat sich satzungsgemäß dem Ziel einer Vernichtung des Staates Israel verschrieben. Jede Förderung einer solchen Organisation scheidet deshalb von vornherein aus.")[5] und die Bundeszentrale für Politische Bildung, deren vorschnell benutzte Logo vom Tagungsflyer nachträglich entfernt werden musste, beeindruckte die Akademie ebenso wenig, wie die Hinweise, dass Herr Naim zumindest von der Bundesregierung kein Einreisevisum erhalten wird[6].
Es gab nach unserem Protestschreiben neben dem Lob der Akademie durch Al-Qassam von verschiedener Seite öffentliche Kritik an der geplanten Tagung. So zitierte die Jerusalem Post z.B. unseren Protest[7], worauf die Akademie klagte, dass es eine „regelrechte Kampagne“ gegen Ihre Tagung gäbe.[8] Doch auch unabhängig von der Teilnahme des Herrn Naim zeichnet sich diese Tagung durch eine beispiellos einseitige Parteinahme im Nahostkonflikt aus, wie schon die Überschriften der im Programm aufgelisteten „Workshops“ und Arbeitsgruppen zeigen[9]:
· Der gewaltlose Widerstand gegen Mauer und Besatzung - Tatsächlich konnten durch den Sicherheitszaun Terroranschläge fast vollständig verhindert werden, was eine Vielzahl an Menschenleben gerettet hat. Wenn die Evangelische Akademie hier also „Widerstand lehrt“, möchte man dann wieder mehr Terroropfer in Israel sehen ?
· Städtepartnerschaften mit Palästina - Israel taucht gar nicht auf - oder ist das in dem von Ihnen verwendeten Begriff „Palästina“ inbegriffen ?
· Ein regionaler Sicherheitspakt im Mittleren Osten einschließlich Iran - Das iranische Regime als Sicherheitsgarant und Pakt-Partner im Mittleren Osten? Sollten die Akademie dann nicht auch gleich den iranischen Präsidenten und Holocaustleugner, Mahmoud Ahmadinedschad, als Partner beim „regionalen Sicherheitspakt“ hinzu bitten? Wie ein Staat, der Wahlen fälscht, Minderheiten wie andere Religionen (Bahai) oder Homosexuelle verfolgt und öffentlich exekutiert, Israel offen mit Vernichtung droht und an der Atombewaffnung arbeitet, hier als Friedenspartner präsentiert werden kann, erscheint uns absurd.
· Gaza-Blockade beenden - Vom Gazastreifen geht trotz des vollständigen Rückzugs Israels im Jahr 2005 eine permanente Aggression gegen Israel und seine Bevölkerung aus. Gleichwohl sendet Israel Woche für Woche mehrere Tausend Tonnen Hilfsgüter über die Grenzen nach Gaza. Ägypten hingegen weiß sich nur noch mit dem Bau einer Mauer zu helfen. Dennoch soll Israel, das regelmäßig mit Raketen beschossen wird, seine Grenzen öffnen?
Ein derart einseitiges Tagungskonzept, das überdies den Dialog nur mit Fatah und der Hamas sucht, den mit Israel aber ablehnt (Manfred Budzinski: „Einen Vertreter des offiziellen Israels habe ich gar nicht erst angefragt.“[10] ), ist nach unserer Überzeugung nicht akzeptabel; ganz gleich, ob der Referent der Hamas erscheint oder nicht.
Auch aus kirchlichen Kreisen gibt es eine Fülle von Stimmen, die eine Absage dieser Tagung fordern[11]: So zeigt sich der ehemalige Vorsitzende des Islam-Arbeitskreises der Deutschen Evangelischen Allianz, Albrecht Hauser „bestürzt über die ideologische Einflussnahme antijüdischer und antisemitischer Kräfte in kirchlichen Kreisen“. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, warum die kirchliche Akademie bei dieser Tagung keine Vertreter von christlichen Kirchen in Palästina zu Wort kommen lassen will; Kirchen also, die unter der radikal-islamischen Hamas besonders leiden.
Die Evangelische Akademie Bad Boll überschreitet mit dieser Tagung mehrere rote Linien. Deshalb bestehen wir auch weiterhin auf ihrer Absage. Kirchen haben im Nahen Osten in der Vergangenheit - von Pogromen bis zu Kreuzzügen - genug Unheil angerichtet. Dass nunmehr die Evangelische Akademie Bad Boll EU-Richtlinien über Terrorgruppen verletzt, um die erklärten Todfeinde Israels im Kontext eines israelfeindlichen Begleitprogramm als Dialogpartner zu hofieren, ist skandalös.
Die deutsche Sektion von Scholars for Peace in the Middle East (SPME) erneuert ihren Protest gegen die geplante Veranstaltung und fordert deren umgehende Absage. Wir appellieren an die eingeladenen Politiker, auf ihre Teilnahme zu verzichten und dies öffentlich kundzutun.
Der Vorstand von SPME-Germany e.V.
[1] http://www.islamidavet.com/english/2010/05/01/haneyya-we-refuse-an-alternative-homeland/_
[2] http://www.swp.de/goeppingen/lokales/goeppingen/art5583,468104_
[3] http://qassam.ps/news-2753-Hamas_Minister_Invited_to_German_Academic.html , http://qassam.ps/news.html German Church organizations talk to Hamas. In dem ersten Beitrag macht diese islamistische Seite aus der Evangelischen Akademie eine „Universität“. Auch ist auf der Al-Qassam Homepage weiterhin vermerkt, dass diese Veranstaltung von der Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) unterstützt wird, da es auf dem Flyer der Akademie fälschlich so angegeben war.
[4] http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2470663_0_9223_-der-nahostkonflikt-schwappt-nach-bad-boll.html
[5] http://www.idea.de/nachrichten/detailartikel/artikel/evangelische-akademie-tagung-mit-friedenspartner-hamas.html_
[6] http://www.idea.de/nachrichten/detailartikel/artikel/hamas-vertreter-bekommt-vermutlich-kein-einreisevisum-1.html
[7] http://www.jpost.com/International/Article.aspx?id=174125
[8] http://www.tw24.info/?p=2150&cpage=1
[9] http://www.ev-akademie-boll.de/tagungen/details/430410.pdf Auf unseren Hinweis, dass Herr Naim keinesfalls berechtigt ist, den Titel „Dr. med.“ zu tragen, wurde bisher nicht reagiert und er wird weiterhin im Programm der Akademie so geführt.
[10] http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2470663_0_9223_-der-nahostkonflikt-schwappt-nach-bad-boll.html
[11] http://www.idea.de/nachrichten/detailartikel/artikel/evangelische-akademie-tagung-mit-friedenspartner-hamas.html_